KI wird Steuerkanzleien nicht retten – aber fehlende Struktur wird sie ruinieren

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KI wird Steuerkanzleien nicht retten – aber fehlende Struktur wird sie ruinieren

Die Kanzlei der Zukunft entscheidet sich nicht daran, welches KI-Tool gerade im Trend ist. Sie entscheidet sich daran, ob eine Kanzlei heute die strukturellen Voraussetzungen schafft, um in einer Welt handlungsfähig zu bleiben, in der Entscheidungen zunehmend von Systemen vorbereitet, koordiniert – und teilweise auch ausgelöst – werden.

Wer darauf wartet, „bis sich KI bewährt hat“, wartet in Wahrheit zu lange. Denn was jetzt gebraucht wird, ist kein weiteres Tool, sondern ein Fundament.

Zukunftsfähigkeit beginnt nicht mit KI. Sie beginnt mit Struktur: saubere Prozesse, verlässliche Datenflüsse, klare Verantwortlichkeiten – und eine Plattform, die all das zusammenführt.

Vom Informationszeitalter zur agentenvermittelten Wirtschaft

Über viele Jahre war technologischer Fortschritt in der Steuerberatung relativ linear: bessere Software, schnellere Verarbeitung, weniger Papier. Digitalisierung bedeutete vor allem Effizienz. Doch diese Phase endet gerade.

Der Fachartikel The Agentic Economy von David M. Rothschild et al. beschreibt einen Paradigmenwechsel: Wir bewegen uns weg von einer informationsgetriebenen Wirtschaft hin zu einer agentenvermittelten Ökonomie. In dieser Welt agieren KI-Agenten stellvertretend für Menschen und Organisationen. Sie kommunizieren miteinander, gleichen Interessen ab, bewerten Optionen und bereiten Entscheidungen vor – oft schneller und strukturierter, als es Menschen im Alltag leisten können.

Entscheidend ist dabei nicht die einzelne KI, sondern die Architektur der Zusammenarbeit. Wer Prozesse und Daten heute nicht anschlussfähig organisiert, wird später innerhalb von Systemgrenzen arbeiten müssen, die andere vorgeben.

Warum Expertise zur neuen Schnittstelle wird

Ein weiterer zentraler Impuls kommt von Jared Spataro, Microsoft CMO of AI at work. Er beschreibt in seinem Beitrag AI@Work The future of commerce? Expertise at your fingertips die Verschiebung von „Information at your fingertips“ hin zu „Expertise at your fingertips“. Der Engpass unserer Zeit ist nicht mehr der Zugang zu Wissen, sondern die Fähigkeit, aus Informationen sinnvolle Entscheidungen abzuleiten.

Für Steuerkanzleien ist das ein Wendepunkt. Denn vieles, was lange den Alltag geprägt hat – Informationen beschaffen, Regeln erklären, Zahlen aufbereiten – wird zunehmend automatisierbar. Aufgewertet wird der Teil, der nicht delegierbar ist: Einordnung, Priorisierung, Verantwortung und strategische Begleitung.

Was das für Steuerberater konkret bedeutet

In einer agentenvermittelten Welt kommen Mandanten nicht mehr „roh“ in die Kanzlei. Sie kommen mit vorstrukturierten Daten, Hypothesen und Erwartungen – häufig bereits von Systemen vorgeformt.

Die Kanzlei wird damit nicht mehr der erste, sondern der entscheidende Filter. Das funktioniert aber nur, wenn sie selbst systemfähig ist. Wer intern noch stark über Medienbrüche, E-Mail-Pingpong oder lokale Ablagen arbeitet, verliert in dieser Logik Zeit, Qualität und Steuerbarkeit.

Zukunftsfähigkeit entscheidet sich daher nicht an der Frage „Nutzen wir KI?“, sondern daran, ob Prozesse reproduzierbar, Daten auswertbar, Kommunikation skalierbar und Verantwortlichkeiten klar organisiert sind.

Warum Microsoft als Plattform der Hebel ist

Genau an dieser Stelle wird Microsoft relevant – nicht als einzelnes Tool, sondern als Plattform. Identität, Zugriff, Kommunikation, Dokumente, Automatisierung und Datenanalyse laufen in einer konsistenten Umgebung zusammen.

Agenten brauchen Kontext. Kontext entsteht dort, wo Arbeit nicht fragmentiert ist, sondern zusammenläuft: in Teams, SharePoint, Power Automate und – perspektivisch – in Azure- und Datenplattformen. Eine Plattformstrategie ist deshalb keine technische Vorliebe, sondern eine strategische Weichenstellung.

In meinem Buch "KI- UND ONLINE STRATEGIEN für moderne Steuerkanzleien" beschreibe ich genau diese Entscheidung nicht als IT-Projekt, sondern als unternehmerische Grundsatzfrage: ob KI später integrierbar ist – oder dauerhaft ein Fremdkörper bleibt.

Warum man nicht mit KI beginnen darf

Ein häufiger Fehler ist der Versuch, KI „oben drauf“ zu setzen: ein Copilot hier, ein Chatbot dort, ein weiteres Tool für Belegerkennung. Kurzfristig wirkt das beeindruckend – langfristig entstehen neue Silos.

Automatisierung muss vor KI kommen. Struktur vor Intelligenz. Erst wenn Prozesse standardisiert, Daten konsistent und Zuständigkeiten klar sind, kann KI ihren Hebel entfalten. Alles andere ist Kosmetik.

Warum Abwarten keine Option mehr ist

Wenn man die aktuellen Fachartikel mit der Kanzleipraxis zusammendenkt, ergibt sich ein klares Bild: Die Steuerberatung steht nicht vor der Frage, ob sie sich verändert, sondern wer diese Veränderung gestaltet.

Die Kanzlei der Zukunft ist keine KI-Kanzlei. Sie ist eine strukturierte, systemfähige Organisation, die KI sinnvoll einsetzen kann, weil sie vorbereitet ist. Und genau deshalb beginnt Zukunftsfähigkeit nicht mit einem Tool, sondern mit einer Entscheidung.


In meinem Buch "KI- UND ONLINE STRATEGIEN für moderne Steuerkanzleien" ist dieser Einstieg bewusst als praxisnaher Fahrplan aufgebaut: von Prozessanalyse und Automatisierung über Plattformentscheidungen bis hin zu Governance und der Rolle des Menschen im Mittelpunkt.

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